Das sind die fairen Vermieter

Der Referenzzinssatz sinkt, die Mieten sollten folgen. Die Stadt ging mit gutem Beispiel voran, zwei Nachahmer ziehen nach.

In der städtischen Siedlung Kronenwiese können die Mieter von einer Mietreduktion profitieren.

In der städtischen Siedlung Kronenwiese können die Mieter von einer Mietreduktion profitieren. Bild: Christian Beutler/Keystone

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1,5 Prozent. So tief, wie seit Anfang Juni, war der Referenzzinssatz noch nie, und Mieterinnen und Mieter können Mietzinsreduktionen fordern. Denn: Von sich aus senken Eigentümer die Mieten nur ungern. Doch es gibt Ausnahmen, allen voran die Liegenschaftenverwaltung der Stadt Zürich. Sie hat Anfang Woche bekannt gegeben, dass sie die Mietzinse auf den 1. November 2017 um 1,83 Prozent senkt. Und sie ist nicht irgendein kleiner Anbieter, sondern mit 9200 Wohnungen in der Stadt einer der ganz grossen.

Die Liegenschaftenverwaltung orientiert sich mit ihrem Tun an jenem des Bundesamtes für Wohnungswesen (BAW). Kuno Gurtner sagt: «Da das BAW nun die Senkung bekannt gegeben hat, schliessen wir uns an.» Diese Praxis kam schon im Juni vor zwei Jahren zur Anwendung, als das BAW seine Zinsen das letzte Mal gesenkt hat. Die Liegenschaftenverwaltung hat sich nach eigenen Angaben «relativ schnell» zu diesem Schritt entschlossen und nicht auf Druck von unzähligen Begehren gehandelt. «Ich weiss von rund fünfzig Schreiben, die eingegangen sind.» Man habe die Senkung auch umgehend publik gemacht. Alle Mieterinnen und Mieter werden demnächst persönlich und schriftlich informiert.

Die 1,83 Prozent Mietzinsreduktion übrigens kamen so zustande: Die Senkung des Referenzzinssatzes um einen Viertelprozentpunkt von 1,75 auf 1,5 Prozent entspricht laut Mietzinsverordnung einer Reduktion von 2,91 Prozent. Zusätzlich aufgerechnet wurden die Teuerung von 0,08 Prozent, die der Zeitspanne seit der letzten Mietzinsreduktion vor zwei Jahren entspricht, und die allgemeine Kostensteigerung von 0,5 Prozent.

Gute Stimmung schaffen

Als zweite grosse Vermieterin zieht nun die Freilager AG mit 1000 Wohnungen nach. Sie senkt die Mieten, obwohl die Mieter erst im letzten Herbst eingezogen sind. Doch viele von ihnen haben sich um eine Mietzinsreduktion bemüht: Rund 100 Mieter haben eine Begehren gestellt. Jean Claude Maissen vom Management der Freilager AG sagt: «Als fairer Vermieter geben wir unseren Wohnungsmietern die Mietzinsveränderung resultierend aus der Anpassung des Hypothekarzinses proaktiv weiter.» Die Anpassung erfolge in Abhängigkeit der jeweilig vereinbarten Mietvertragskonditionen und auf den nächstmöglichen Kündigungstermin. Die Mieter wurden entsprechend Anfang Woche informiert.

Die ersten Reaktionen auf Twitter sind denn auch durchwegs positiv: Mieter Lukas Krebs spricht der Verwaltung einen grossen Dank aus.


Löblich findet Walter Angst, Leiter Kommunikation beim Mieterinnen- und Mieterverband Zürich, dieses Vorgehen. Und im Fall des Freilagers auch sehr verständlich. Da die Überbauung erst bezogen wurde, seien die Mietpreise relativ einheitlich eher auf einem hohen Niveau. Zudem stosse die Siedlung an ihre Vermietbarkeitsgrenze. «Auf diese Weise aber schafft die Freilager AG positive Stimmung und kann zusätzlich ein positives Signal aussenden und allenfalls neue Mieter anwerben», sagt Angst.

Und auch die BVK passt ihre Mieten automatisch an den tieferen Referenzzinssatz an. Florian Küng, Leiter Kommunikation BVK, sagt: «Es entspricht der langjährigen Mietzinspolitik der BVK, die Mietzinsreduktion proaktiv an ihre Mieterinnen und Mieter weiterzugeben.» Die Anpassung erfolgt auf den nächsten Kündigungstermin. Auch bei der BVK liegt die letzte Mietzinsanpassung zwei Jahre zurück. Die entsprechenden Mieterinnen und Mieter werden deshalb in den nächsten Tagen automatisch über die Mietzinsreduktion informiert. Angst hat auch eine Erklärung dafür, warum andere grosse Eigentümerinnen nicht von sich aus aktiv werden. In älteren Siedlungen, in denen sich die Mieten aufgrund unterschiedlicher Mietdauer stark unterscheiden, wird die Mietzinssenkung nur selten weitergegeben. «Eine Weitergabe würde dazu führen, dass auch moderate Mieten gesenkt würden, und das wollen die Eigentümer nicht.» Man warte lieber darauf, dass die Mieter selber aktiv würden und die Senkung einfordern.

Das Begehren zu stellen, sei jedoch in jedem Fall sinnvoll, denn viele Verwaltungen gehen auf Einzelanliegen ein. Erfahrungsgemäss sind es aber nur lediglich 10 Prozent aller Mieter, welche die Mühe auf sich nehmen, ein schriftliches Begehren zu stellen.

Erst, wenn gefordert

Tatsächlich gehen viele Verwaltungen auf entsprechende Mietzinsforderungen ein. Darunter ist auch Wincasa, einer der grössten Immobiliendienstleister. André Töngi, Bereichsleiter Bewirtschaftung, sagt: «Gemäss den mietrechtlichen Bestimmungen gibt Wincasa die Senkung des Referenzzinssatzes an die Mieter weiter, wenn diese das Senkungsbegehren schriftlich einreichen.» Man handele dabei im Auftrag der Eigentümer der jeweiligen Liegenschaft und erfülle selbstverständlich die gesetzlichen Vorgaben.

Ähnlich tönt es bei der Immobiliengesellschaft Mobimo mit rund 150 Liegenschaften in der ganzen Schweiz, die 30 Prozent ihres Ertrags aus dem Mietwohngeschäft erwirtschaftet. «Wir entsprechen den Senkungsbegehren unserer Mieter», sagt Marion Schihin.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.06.2017, 17:41 Uhr

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