Wenn Züri-Schätzung auf Züri-Realität trifft

Wie gedeiht Zürich? Oft wurden in den letzten Jahrzehnten die Bevölkerungsszenarien berechnet – und meistens kam es anders.

Boomstadt Zürich: Die Stadt ist in den letzten Jahren viel stärker als erwartet gewachsen.

Boomstadt Zürich: Die Stadt ist in den letzten Jahren viel stärker als erwartet gewachsen. Bild: Urs Jaudas

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2035 leben über eine halbe Million Menschen in der Stadt Zürich. So lautet das aktuelle Bevölkerungsszenario der städtischen Statistiker, die sie vergangene Woche publiziert haben. Das ist fraglos interessant, und natürlich führt eine solche Zukunftsperspektive zu einer Vielzahl eminent politischer Fragen. Bloss ist es so eine Sache mit den Szenarien und ihrer Zuverlässigkeit. Aus aktuellem Anlass haben wir zurückgeblickt:

1977

Eine Untersuchung zur Bevölkerungszukunft des Kantons Zürich formulierte für die Stadt eine Minimal- und eine Maximalvariante. Dabei, so rapportierte die NZZ, hätten die Berechnungen für die Stadt «eine minimale Bevölkerungszahl von 330'000 für das Jahr 2000» ergeben. Dieser Minimalvariante stand das optimistische Szenario gegenüber – dieses sah vor, dass «die Bevölkerungszahl im Jahr 2000 maximal 380'000 betragen» werde.

1977 lebten in Zürich 379'635 Menschen. Die Prognostiker lagen mit ihrer Bandbreite gut: Real zählte die Stadt im Jahr 2000 360'980 Einwohner.

1986

Es war die Zeit der Depression: 1986 lebten 358'873 Menschen in der Stadt Zürich – vier Jahre später, 1989, war bevölkerungsmässig der Tiefpunkt der Zürcher Nachkriegsgeschichte erreicht. Die Stadt zählte damals gerade noch 355'901 Einwohner.

Eine Studie zur kantonalen Bevölkerungsentwicklung, erschienen im Dezember 1986, äusserte sich zur Zukunft der Stadt – und zwar mit Blick auf das nächste Vierteljahrhundert: Für die Stadt Zürich wird ein Bevölkerungsrückgang um 3,3 Prozent oder 12'300 Einwohner bis 2010 berechnet. Dieser Rückgang stelle indes nur noch einen Bruchteil der Abwanderung dar, den die Stadt seit 1962 haben hinnehmen müssen, beruhigen die Studienautoren damals. In der Tat: 1962 erreichte die Stadt Zürich mit 440'180 Einwohner grössenmässig ihr Allzeithoch. Dass sich die Bevölkerungsgrösse nun stabilisiere, liege daran, dass «die Politik des Stadtrats zur Verbesserung der Wohnlichkeit erste Früchte zu tragen» scheint.

Doch es kam anders: Bis 2010 nahm die Bevölkerung um rund 30'000 Einwohner auf 385'468 zu.

2003

Im April 2003 erschien eine Prognose der Stadtzürcher Statistiker – die Bevölkerungszahl bewegte sich damals seit einigen Jahren leicht über 360'000. Doch die Zukunftserwartung lag weiterhin im Minusbereich. «In der Stadt Zürich werden im Jahr 2020 ein paar Tausend Menschen weniger leben als heute.» Die Statistiker seien zu diesem Schluss gekommen, «obwohl bis 2010 jedes Jahr rund 1000 Wohnungen entstehen sollen». Es zeige sich jedoch, dass die neuen Wohnungen für Zürich «nicht zu einer Zunahme der Bevölkerung» führen würden. «Die Einwohnerzahl wird gemäss neusten Prognosedaten im Jahr 2010 nur unwesentlich von der Wohnbevölkerung des Jahrs 2001 abweichen. Bis 2020 zeigt sich aber eine leichte Abnahme um ­1,3 Prozent auf rund 357'000 Einwohnerinnen und Einwohner. 2001 lebten 362'042 Personen in der Stadt.»

Es kam dann ganz anders: 2017 zählte Zürich 423'310 Einwohner. 2020 werden es noch mehr sein.

2005

Der bevorstehende Run auf die Stadt war auch zwei Jahre später noch nicht auf dem Radar der Statistiker. Doch immerhin war nun aus der Minus- eine Plus-Erwartung geworden.

Der «Tages-Anzeiger» meldete im Dezember 2005: «Die Wohnbevölkerung der Stadt Zürich wird in den nächsten zwanzig Jahren um 3 Prozent auf rund 376'000 Menschen anwachsen. Dies besagen die Bevölkerungsprognosen, welche Statistik Stadt Zürich am Montag veröffentlicht hat. Die Trendumkehr aus dem Jahr 2001, als nach Jahrzehnten die Einwohnerzahl erstmals wieder anstieg, bleibt demnach dauerhaft. Erwartet wird ein sehr gemächlicher Zuwachs von knapp 11'000 Personen bis zum Jahr 2025.»

2007

Jetzt war plötzlich alles anders: Der «gemächliche Zuwachs» war Vergangenheit. Die Realität hiess nun «starker Anstieg» – und zwar einer, der sich auch in den kommenden Jahren fortsetzen werde. Statistik Stadt Zürich schrieb: «Die neuesten Prognoseergebnisse für die Stadt Zürich zeigen einen weiteren Anstieg der städtischen Wohnbevölkerung. Ausgehend von rund 370'000 Personen Ende 2006 soll die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner bis 2015 auf rund 390'000 und bis 2025 auf knapp über 400’000 steigen. Das bedeutsame Wachstum der vergangenen Jahre sowie der starke Anstieg im Verlaufe des Jahres 2007 werden damit fortgesetzt.»

In Tat und Wahrheit wuchs die Stadt noch viel bedeutsamer als erwartet: 2015 lebten nicht 390'000, sondern 410'400 Menschen in Zürich.

2010

Drei Jahre später hatte sich an der Rhetorik nichts geändert. «Bis ins Jahr 2020 dürften in der Stadt Zürich rund 409'000 bis 415'000 Menschen leben. Das zeigt eine Prognose von Statistik Stadt Zürich, die sich auf die Bautätigkeit abstützt», schrieb die NZZ. Und weiter: «Mit den neusten Zahlen werden bisherige Prognosen deutlich nach oben korrigiert. Vor drei Jahren rechnete Statistik Stadt Zürich zwar auch schon mit einem Wachstum, das über 400'000 Einwohner hinausgehen könnte, sah dies aber erst fürs Jahr 2025 vor.»

Heute wissen wir: Die «deutliche» Korrektur von damals war noch immer zu pessimistisch. Die Schwelle von 415'000 wurde schon 2016 überschritten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2018, 13:11 Uhr

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