Das Leben in einen Albtraum verwandelt

Die Mutter von Alex, der vom Küsnachter Galeristensohn auf brutalste Art getötet wurde, beschreibt ihren unendlichen Schmerz.

Ein Bild aus unbeschwerten Tagen: Der 23-jährige Alex aus Küsnacht, der am 30.12.2014 getötet wurde. (Bild: Facebook)

Ein Bild aus unbeschwerten Tagen: Der 23-jährige Alex aus Küsnacht, der am 30.12.2014 getötet wurde. (Bild: Facebook)

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Unter dem Titel «Der Tag, an dem mein Sohn umgebracht wurde» berichtet Katja Faber auf der Website der «NZZ am Sonntag», wie die Tat sie fast an den Rand des Wahnsinns gebracht hat. Der heute 32-jährige Kunsthändlersohn ist am Mittwoch vom Bezirksgericht Meilen wegen vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von zwölfeinhalb Jahren verurteilt worden. Auszüge aus dem erschütternden Bericht.

Alex war in Küsnacht aufgewachsen, lebte und arbeitete zu dieser Zeit aber in London. Er hatte eben sein Bachelor-Studium abgeschlossen. Er war über die Festtage 2014 nach Hause zur Familie gekommen. Die Mutter befand sich damals in Spanien bei ihrer Tante. «Als ich herausfand, dass Alex getötet worden war, war er schon beinahe 48 Stunden tot. Am späten Nachmittag des 31. Dezembers 2014 erhielt ich eine SMS von einer Freundin aus Zürich. In der SMS stand, ich solle meine Freundin anrufen. Es sei sehr dringend. Ich rief an. «Hast du etwas von Alex gehört? Geht es ihm gut?», wollte sie wissen. Sie sagte, es sei etwas Furchtbares passiert. Einem jungen Mann sei etwas Schlimmes zugestossen. Unter den jungen Küsnachtern kursiere die Vermutung, dass es sich um Alex handle. Sie sagte mir, ich solle die Kantonspolizei anrufen.»

Im Internet vom Tod erfahren

Voller Panik wählte Katja Faber die Nummer von Alex. Aber nur seine Combox ertönte, und sie hinterliess eine Nachricht. Sie erkundigte sich bei der Kantonspolizei, diese durfte nichts sagen. «Draussen war es dunkel, wir hatten ein Abendessen geplant, wollten uns für Silvester bereitmachen. Doch ich konnte nichts anderes tun als in der Küche hin und her laufen und telefonieren, telefonieren, telefonieren.» Die Mutter begann im Internet zu recherchieren. Die Suche bestätigte, was die Freundin gesagt hatte, aber es war noch viel schlimmer. Ein 23-Jähriger sei in einer Villa in Küsnacht getötet worden: «Binnen weniger Minuten hatte sich mein Leben in einen wahren Albtraum verwandelt.»

Nun rief die Familie die Polizei an, aber niemand rückte Informationen heraus. Gegen Mitternacht rief ein Kantonspolizist zurück. Er fragte, wo ich mich aufhielte. Es werde ein Polizist vorbeikommen. Er dürfe am Telefon leider nicht mehr sagen. Nach sechs endlosen Stunden klingelten spanische Polizisten an der Tür. Einer sagte: «Es tut mit sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Sohn gestorben ist.»

Katja Faber: «Die Wahrheit, die ich vernommen hatte, rammte mich wie ein Lastwagen. Ich konnte nicht mehr atmen, also schrie ich. Ich konnte nicht mehr stehen, also rannte ich in ein anderes Zimmer und schlug mit meinen Fäusten gegen die Wände. Ich fühlte mich, als hätte man mir bei lebendigem Leib die Eingeweide entrissen.» Man brachte sie mit einem Schreikrampf ins Spital.

Konnte sein Gesicht nicht anschauen

Zurück in Zürich, konnte sie im Friedhof Zollikon von ihrem Sohn Abschied nehmen. «Sein Sarg war in einem gekühlten steinernen Sarkophag in einem Zimmer in der Leichenhalle platziert. Man warnte mich davor, mir sein Gesicht anzuschauen, um nicht dieses furchtbare Bild von ihm in Erinnerung zu behalten.» Der Vater habe beim Anblick seines Sohnes gefleht: «Seine Mutter darf ihn auf keinen Fall so sehen!» Der Galeristensohn hatte Alex den Schädel eingeschlagen und dem noch lebenden Opfer eine Kerze in den Rachen gerammt und es erwürgt. Der Tote wies allein am Kopf 50 Fleischwunden auf.

«Also wurde der Sarg geschlossen, und anstatt dass ich das Gesicht meines Sohnes zum Abschied berühren, ihm mit den Fingern durchs Haar streichen, ihn in meinen Armen halten konnte, küsste ich den Sargdeckel, der kalt und glatt wie Porzellan war, immer und immer wieder, und meine Tränen tropften aufs Holz.»

Mutter völlig traumatisiert

Nach dem Tod ihres Sohnes war die Mutter wie gelähmt: «Vieles konnte ich nach Alex’ Tod nicht mehr tun. Ich konnte nicht mehr Auto fahren. Ich konnte nicht mehr einkaufen. Ich konnte mich nicht weiter als 10 Minuten von zu Hause entfernen. Ich konnte nichts mehr schmecken. Ich konnte nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln reisen. Ich konnte nicht unter Menschen sein. Kurzum, ich war zu nichts mehr fähig.»

«Manchmal drücke ich seine Kleider an mein Gesicht, um seinen Körpergeruch einzuatmen, ich trage seine Shirts und Pullis, um ihn nahe bei mir zu haben. Sein Duft verflüchtigt sich mit jedem Tag etwas mehr, wird schwächer und schwächer, als ob seine Seele selbst entschweben würde.»

Alex am Prozess eine Stimme geben

Die letzten zweieinhalb Jahre waren für Katja Faber eine unendlich harte Zeit, die sie für immer verändert hat. «Aber Alex gegen die Vorwürfe des Angeklagten zu verteidigen, meinem Sohn eine Stimme zu geben, mit den Anwälten zusammenzuarbeiten und mich aktiv am juristischen Prozess zu beteiligen, gab mir die Chance, den Schmerz zumindest zu bündeln, und das Gefühl, meinen Sohn so zu beschützen, wie ich es nicht konnte in der Nacht, als er getötet worden war. Ich bin seine Stimme. Aber vor allem werde ich für immer seine Mutter sein.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2017, 18:46 Uhr

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